Schwammspinner – ein gefährlicher Gewinner im Klimawandel

Positionspapier der Schutzgemeinschaft Deutscher Wald, Landesgruppe Bayern

Waldbrände, Erdrutsche, Überschwemmungen und Insektenkalamitäten können das Lebensgefüge eines Waldes komplett verändern. Interessant und spannend – wenn solche „Großereignisse“ im Urwald stattfinden, „schädlich“ im Wirtschaftswald. Der Klimawandel belastet mit Stürmen, Starkregen und extremen Dürreperioden unsere Wälder in zunehmendem Maß, zugleich profitieren manche Fraßinsekten von den veränderten Klimabedingungen. Begünstigt wird auch der heimische Nachtfalter Schwammspinner (Lymantria dispar L.), dessen Massenvermehrungen (Gradationen) seit den 1990er Jahren zugenommen haben und periodisch zu „Großereignissen“ werden. Foto: Schwammspinnerraupe (Dr. L. Albrecht)

Das natürliche Verbreitungsgebiet des Schwammspinners reicht von Nordafrika bis Südskandinavien, von Portugal bis nach Russland und Japan. Die Raupen sind wenig wählerisch: sie fressen Blätter von mehreren hundert Pflanzenarten, ja sogar von Nadelbäumen. Bevorzugt werden Stiel- und Traubeneichen, Obstgehölze, sowie Schlehen, während Blätter von Esche, Rosskastanie, Wildbirne und Robinie in der Regel verschmäht werden. Jede Raupe frisst ca. 1 m² Laub bis sie sich nach ca. 6  bis 12 Wochen und nach mehreren Häutungen verpuppt. Der Begattung folgend kleben die weiblichen Falter plätzeweise 300 - 500 Eier an die Rinde von Baumstämmen und Zweigen. Diese werden mit brauner Afterwolle bedeckt. Die kompakten Gelege sind namensgebend, denn sie sehen aus wie „Schwämmchen“ oder kleine Holzpilze. Die Weibchen fliegen meist nur wenige Meter weit. Die von Trockenheit und Wärme begünstigte Massenvermehrung breitet sich deshalb in der Regel nicht über weite Entfernungen aus, sondern bleibt - im Gegensatz zur Ausbreitung des Eichenprozessionsspinners - auf die warmgetönten Laubwaldgebiete beschränkt. In Bayern sind dies im Wesentlichen die fränkischen Weinbaugebiete. Eine passive Ausbreitung durch den Wind erfolgt nur über die an den eigenen Spinnfäden fliegenden Jungräupchen. Man findet deshalb einzelne Schwammspinner auch außerhalb ihres Verbreitungsgebietes, wo sie jedoch meist keine sichtbaren Schäden verursachen. Zahlreiche Feinde ernähren sich von den haarigen Raupen: parasitierende Fliegen und Wespen, räuberische Käfer (Puppenräuber), Wanzen, Ameisen, Eidechsen, Kröten, Vögel (Pirol, Kuckuck und Eichelhäher) und Mäuse, sowie Viren und Bakterien. Typischerweise entwickeln sich diese Gegenspieler zeitverzögert und können eine Massenvermehrung aufgrund des Vermehrungspotentials des Schwammspinners nicht verhindern.

Alle sieben Jahre etwa vermehren sich Schwammspinner massenhaft, je nach Witterungsverlauf jedoch in unterschiedlichem Ausmaß. Punktuell können extrem hohe Dichten erreicht werden. Diese Gradationen brechen nach wenigen Jahren durch Parasiten- oder Virenbefall zusammen. Übrig bleiben vom Kahlfraß geschädigte, absterbende, teils auch tote Bäume. Warm-trockene Frühjahre und Hochsommer begünstigen, feucht-kalte hemmen die Entwicklung der Falter. Vitale Laubbäume überstehen einen einmaligen Kahlfraß meist ohne größere Schäden, sie treiben im selben Jahr erneut aus. Vorgeschädigte Bäume können mangels Reservestoffen oder wegen zu geringer Wasserversorgung absterben, denn für wasserleitendes Frühholz und Feinwurzeln fehlt die Kraft. Weitere Schmetterlingsarten der „Eichenfraßgesellschaft“, wie Eichenwickler und Frostspanner, sowie mehrmaliger Kahlfraß verstärken das Risiko. Geschwächte Bäume erliegen zudem oft dem Angriff von Folgeschädlingen, wie z.B. dem Eichen-Prachtkäfer und dem Eichen-Mehltau-Pilz. Letzterer befällt besonders die sommerlichen Ersatztriebe der Eichen.

Foto: Weibliche Falter bei der Eiablage; oben links männlicher Falter (Dr. L. Albrecht)

 

In stark geschädigten Waldteilen entstehen unerwünschte, flächige Kahlbedingungen in Kombination mit Vernässung, Vergrasung und fehlender Verjüngung. Auf besonders gefährdeten und sensiblen wasserbeeinflussten Standorten stellt sich nach dem Kahlfraß möglicherweise ein Sumpfwaldcharakter ein, anstelle des ursprünglichen Eichen-Hainbuchen-Waldes. Die durch Schwammspinner und Folgeschäden verursachten finanziellen Verluste können 10.000, - € je Hektar und mehr betragen. Doch auch in ökologischer Hinsicht besteht die Gefahr, vitale Eichenwälder als Ökosysteme und wichtige Biotope zu verlieren. Nicht zuletzt deswegen sind die Risiken einer ungebremsten Massenvermehrung gegenüber den Wirkungen und Nebenwirkungen von Abwehr- und Bekämpfungsmaßnahmen sorgfältig gegeneinander abzuwägen. Foto: Kronenschäden und Absterbeerscheinungen nach Schwammspinnerfraß

 

Die Schutzgemeinschaft Deutscher Wald vertritt dabei folgende zwölf  Thesen:

  1. Die Sicherung der betroffenen Wälder und aller Waldfunktionen hat Vorrang.

  2. Bekämpfungsmaßnahmen dienen nicht dazu, die Massenvermehrung insgesamt aufzuhalten, sondern lediglich dem Schutz ausgewählter Waldbestände.

  3. Alle rechtlich zulässigen Möglichkeiten der Schadensvorbeugung, der Schadensabwehr, des Schadensausgleichs und der Schadensbeseitigung sind dabei mit Augenmaß und im Sinne des Integrierten Pflanzenschutzes zu nutzen. Ein Insektizideinsatz zur Schadensabwehr ist die ultima ratio und auf das allernotwendigste Maß zu beschränken.

  4. Die Möglichkeit der Schadensabwehr zum Schutz des (Privat-) Eigentums muss gewährleistet sein. Die Eigenverantwortlichkeit des Waldbesitzers beinhaltet auch seine Entscheidungsmöglichkeit für einen Bekämpfungsverzicht bei gleichzeitiger Übernahme des damit verbundenen Schadensrisikos (solange es keine Regelungen für einen Schadensausgleich gibt).

  5. Grundlegende Voraussetzung für Entscheidungen zur Bekämpfung sind zuverlässige Prognosen und Risikoabschätzungen auf wissenschaftlicher Grundlage. Behördliche Prognoseverfahren sind anzuwenden und weiter zu entwickeln. Vorschädigungen und Risikoexpositionen sind besonders zu berücksichtigen. Die Handlungsstrategie bei drohendem Kahlfraß muss auf dem jeweils aktuellen wissenschaftlichen Kenntnisstand aufbauen.

  6. Risikoflächen und potenzielle Behandlungsflächen sind differenziert zu beurteilen, möglichst exakt abzugrenzen und zu dokumentieren. Neben der Gelegedichte sind hierbei die Standortseigenschaften, die Bestandesvitalität, die Vorschädigungen, die Bestandesstruktur, die Mischungsanteile, das Alter, die Qualität der Eichen, die Ausprägung eines Unterstandes, die zu erwartende Fraßgesellschaft und die zu erwartenden Folgeschäden (vor allem durch Eichen-Mehltau und Eichen-Prachtkäfer) in die Risikoabschätzung für den jeweiligen Einzelbestand einzubeziehen.

  7. Für Natura 2000 – Gebiete, Naturschutzgebiete, Lebensräume gefährdeter Arten, Wasserschutzgebiete, Ufersäume und Gewässerränder sind die einschlägigen Schutzbestimmungen (Naturschutzrecht, Pflanzenschutzrecht) und das Vorsorgeprinzip konsequent zu beachten.

  8. Werden wesentliche Waldfunktionen akut gefährdet, muss die Bekämpfung ernsthaft erwogen werden; potenzielle Gefährdungen genügen nicht. Insbesondere im öffentlichen Wald sind finanzielle Verluste (Zuwachsverluste) für sich allein nicht ausreichend, um einen Insektizideinsatz zu begründen.

  9. Es dürfen nur zugelassene Pflanzenschutzmittel unter staatlicher Kontrolle eingesetzt werden, die möglichst artspezifisch wirken. Der Einsatz von Breitband- bzw. Kontaktinsektiziden (z.B. Pyrethroide, wie „Karate Forst flüssig“) sollte im Wald zum Schutz der Nichtzielorganismen, insbesondere auch der natürlichen Gegenspieler wie Puppenräuber, Raupenfliegen und Brackwespen grundsätzlich ausgeschlossen bleiben, auch wenn dieser pflanzenschutzrechtlich zulässig wäre.

  10. Behandelte und vergleichbare unbehandelte Flächen sind längerfristig zu überwachen und für vergleichende wissenschaftliche Untersuchungen zu dokumentieren. Die hierfür über den erforderlichen, mehrjährigen Beobachtungszeitraum notwendige finanzielle und personelle Ausstattung ist zu gewährleisten. Die Forschungsergebnisse sollten Grundlage für künftige Entscheidungen und Vorsorgemaßnahmen bieten.

  11. Schadensausgleichsregelungen für finanzielle Verluste privater Waldbesitzer sind generell zu prüfen, insbesondere für Situationen, bei denen aufgrund rechtlicher Einschränkungen keine Schadensabwehr zugelassen ist.

  12. Mittel- und langfristig sind gefährdete eichenreiche Waldbestände in stabilere Mischbestände umzubauen, wodurch das Risiko der Folgeschäden minimiert werden kann. Auf besonders sensiblen hydromorphen Standorten ist ein Baumartenwechsel zu überdenken Der vorbeugende Waldumbau in den Gefährdungsgebieten sollte schneller als bisher vorankommen und in besonderer Weise finanziell gefördert werden. Die SDW schlägt dazu vor, in den Schadensgebieten der Massenvermehrung 2018/2020 eine „Eichenmischwald-Offensive“ zu starten und entsprechend personell und finanziell auszustatten.

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Der Kongress findet vom 24. - 25. September 2019 in Bielefeld statt und vermittelt in Vorträgen den wissenschaftlichen Stand zu gesundheitsförderlichen Faktoren und Effekten des Waldes. Hier finden Sie weitere Infos (Foto: pexels.com)